Kategorie-Archiv: Persönliches

Wie ich Feminist wurde

Dies ist mein erster Blogpost im neuen Jahr und es könnte kaum ein wichtigeres Thema geben. Gerade jetzt, da die weißen alten Männer das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen, ist es besonders dringend, sich auf die richtige Seite zu stellen. Und für die Gleichstellung aller Geschlechter zu kämpfen – gegen die historische, allgegenwärtige Benachteiligung der Frau.

Veränderung nur durch Konflikt

Obwohl ich mich schon seit über 10 Jahren intensiv mit Politik auseinandersetze, wurde ich erst in den letzten Jahren zum überzeugten Feministen. Das „F-Wort“, wie es Bianca so passend betitelt hat, habe ich zu Anfang meiner Zeit in der Piratenpartei selbst noch abgelehnt. Als großer Sprachnerd kritisierte ich, dass sich die ‚femin‘-Sprachwurzel doch nur auf Frauen bezöge und daher missverständlich in Bezug auf die Gleichstellung aller sei. Wie viele andere, die damals der Equalismus-Idee anhingen, habe ich jedoch meine Meinung grundlegend geändert.

Wenn ich etwas in der Gesellschaft verändern möchte, dann brauche ich dazu provozierende und polarisierende Begriffe, die anecken, die Konflikt und Diskurs herbeiführen – und keine, die vorauseilend Konsens herstellen. Natürlich gibt es auch benachteiligte Männer und natürlich ist jegliche Benachteiligung falsch, dennoch sind dies Einzelfälle in Anbetracht der massiven systematischen und historisch „gewachsenen“ Benachteiligung von Frauen. (Vom geringen Frauenanteil in den heutigen Firmen-Vorständen und anderen Machtpositionen über das späte Frauen-Wahlrecht bis hin zu den wenigen bekannten weiblichen historischen Persönlichkeiten.)

Das simple logische Prinzip, wonach z.B. eine Frauen-Quote einseitig sei und selbst erst Ungleichheit schaffe, ist Unsinn und verkennt schlicht das tatsächliche gesellschaftliche Problem. Politik muss genau diese Probleme nach ihrer Qualität und Quantität gewichten und dann priorisiert angehen. Oder kurz: Wenn wir einer ungleichen Ausgangssituation mit Gleichheit begegnen, dann bleibt sie schlicht ungleich!

Erschreckende Erfahrungen

Ihr merkt, diese Diskussion habe ich schon oft geführt. Doch es ist schwer, Menschen nur durch rationale Argumente zu überzeugen – auch ich selbst wurde erst zum Feministen durch persönliche Erfahrungen. Die Zeit in der Piratenpartei hat mir die Augen geöffnet, ich habe miterlebt wie viel Sexismus und Diskriminierung meine Ex-Parteikolleginnen erleiden mussten. Für jegliche Positionierung oder Provokation, die Männern zumeist verziehen oder gar goutiert wurde, ernteten Frauen nicht nur „normale“ Shitstorms, sondern Tonnen an Hass-Mails, sexualisierte Beleidigungen und Gewaltandrohungen, Psychoterror bis hin zu tatsächlichen körperlichen Übergriffen.

Ich habe so erschreckende Vorfälle erlebt und diese haben nicht zufällig jedes einzelne Mal eine Frau getroffen – es geht dabei immer um Macht und Gewalt. Sicherlich trägt die höhere Anonymität des Netzes zur Enthemmung bei, doch das Internet ist nur die Forsetzung der analogen Gesellschaft mit digitalen Mitteln. Viele der Hetzenden und Drohenden fühlen sich mächtiger, dem sogenannten „schwachen Geschlecht“ schlicht überlegen – und ihre Hass- und Machtdemonstrationen unterfüttern sie mit abstoßenden sexualisierten Gewaltfantasien.

Eben nicht nur online, sondern auch im analogen Alltag werden Frauen oft als schwach und leichte Opfer betrachtet, ob es nun das Klischee der „dummen Blondine“ oder die allgegenwärtige Verniedlichung durch „süße“ Kosenamen ist.

Versetzt euch in die Lage von Frauen!

Ich habe lange gebraucht, bis ich das begriffen hatte – aber seitdem fällt es mir Tag für Tag immer wieder auf, bei engsten Freundinnen oder fremden Leuten. Wie viele Frauen kennt ihr, die schon mal belästigt wurden, nach Hause verfolgt, gegen ihren Willen angefasst oder gar vergewaltigt? Denen nachgestellt wurde oder die beleidigt wurden per Chat, Mail oder SMS? Die regelmäßig von Vorgesetzten, Fremden oder auch Bekannten ungewollt „Schätzchen“ oder „Süße“ genannt werden? Und wie viele Männer kennt ihr, die solche Erfahrungen gemacht haben?

Allein die Tatsache, dass Frauen selbst schuld daran sein sollen, wenn sie sich freizügig kleiden und dann angefasst werden oder schlimmer, ist doch eine absurde Umkehrung der Schuld! Jedes Mal, wenn ich jetzt nachts durch die Straßen laufe, muss ich daran denken, wie unsicher und gefährdet sich Frauen fühlen müssen – schlicht weil Männer zumeist mehr körperliche Kraft haben. Ich könnte endlose weitere Beispiele aufzeigen, die mir in den letzten Jahren aufgefallen sind – von der männlich geschaffenen Sexualmoral, wonach Männer Helden sind, die mit vielen Frauen schlafen, aber Frauen umgekehrt Huren, bis zur unterschiedlichen Entlohnung für die gleiche Arbeit in so gut wie allen Berufsgruppen.

Privilegien überwinden

Auch wenn ich mich schon lange mit Politik befasst hatte, habe ich die Welt nur aus meiner weißen männlichen privilegierten Perspektive gesehen. Das Thema Geschlecht hat für mich keine Rolle gespielt. „Quoten sind nicht nötig und unfair, Gendern macht die Sprache kaputt, Gleichberechtigung gibt es doch heute schon“ – das war die gewöhnliche Einstellung in meinem Umfeld (bayrisches Gymnasium). Und es hat lange gedauert, bis ich mir über all die genannten Sachverhalte bewusst wurde.

Ich habe vielen Menschen diese Erkenntnisse zu verdanken und seitdem noch viel mehr über mich selbst gelernt – und über meine Familie. Dass meine Mutter eine außergewöhnlich starke Frau ist, die sich schon früh (1972) gegen alle Widerstände emanzipiert hat und trotz harter Schicksalsschläge ihren Weg weitergeht. Dass in meiner Familien fast ausschließlich starke Frauen-Figuren wie meine Schwester und meine verstorbene Großtante und Großmutter dominieren – und die Männer immer höchstens die zweite Geige spielten. Auch für mich selbst kann ich mir nur eine starke Frau mit eigenem Kopf als Partnerin vorstellen.

Wir müssen anfangen unsere Privilegien zu hinterfragen, die eigene Familiengeschichte zu reflektieren und uns die Lage von anderen Menschen versetzen. Gerade heute am Weltfrauentag sollten wir uns motivieren mit all dem, was schon erreicht wurde – für all das, was noch erkämpft werden muss. Früher war alles schlechter – aber es ist noch ein langer Weg, bis es gut ist.

Ich hoffe, ich konnte ein paar von Euch zum Nachdenken bringen.

PS:

Es gibt noch viel mehr Geschlechter als nur Frau und Mann, doch zur Vereinfachung habe ich all die Zwischentöne zwischen den Stereotypen in diesem Fall weggelassen.

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Kein normales Leben in Trump-Zeiten

Über den größten politischen Schock meines Lebens

11/9 ist jetzt über 10 Tage her und ich habe mich wieder einigermaßen gesammelt. Die Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten war definitiv der größte politische Schock meines Lebens. Es ist mir schwer gefallen, dazu etwas zu schreiben – einfach weil meine Gefühle und Gedanken darüber so diffus und vielfältig waren und es immer noch sind. Hier nun der Versuch einer Chronologie.

Vorahnung

Am Freitag vor der US-Wahl traf ich einen alten Freund, der ebenso gerne wie ich visionär in die Zukunft denkt und spekuliert. Wir kamen überraschend zu dem Schluss, dass ein Wahlsieg Trumps eigentlich wahrscheinlicher und logisch ist – da wir beide annehmen, dass der Menschheit in 10-15 Jahren ein großer progressiver Aufbruch (VR, IoT, Mars, KI, BGE) bevorsteht. Solch ein gesellschaftlicher Aufbruch setzt sich aber zumeist erst durch als Gegenbewegung auf einen rückwärtsgewandten Stillstand nach einer katastrophalen Eskalation.

Doch auch wenn ich tief in mir wusste, dass alles erst schlimmer werden muss, damit alles schließlich besser wird, tippte ich noch immer auf einen knappen Hillary-Sieg. Der Preis einer Trump-Katastrophe wäre einfach zu hoch.

Die Wahlnacht

Gemeinsam mit 3 engen Freunden verfolgte ich die Wahlnacht bei mir zu Hause, wir schauten die Live-Berichterstattung der US-Sender im Wechsel und recherchierten dazu im Netz. Um 2:24 Uhr deutscher Zeit schrieb ich noch: „Das wird eine gute Nacht. Für Hillary Clinton und die ganze Welt. #USElections2016“, weil erste Indikatoren wie z.B. ein Too-Close-To-Call in Georgia darauf hindeuteten. Doch jede Stunde wurde das Bild düsterer und zwischen 3:00 und 4:00 Uhr war die ‚Blue Firewall‘ durchbrochen, die Rustbelt-Staaten waren verloren und Trump hatte gewonnen.

Wie paralysiert saßen wir noch bis 10 Uhr morgens vor dem Beamer und haben die sagenhaft schlechte Rede des neuen US-Präsidenten angehört. Unglaube, Schock, Trauer – die Tage nach 11/9 fühlte ich mich wie gelähmt, aus der Bahn geworfen, da half auch eine rational geschlussfolgerte Vorahnung nichts. Es ist die tiefste Erschütterung seitdem ich mich mit Politik beschäftige.

Katastrophe für die ganze Welt

Ja, „das Schlimmste, was der Welt seit 1945 passiert ist“, ist am 8./9. November geschehen, das sehe ich nach wie vor so. Diese Präsidentschaft wird so vielen Menschen Chaos und Leid bringen – in den USA und auf der ganzen Welt.; außenpolitischer Rückzug aus den globalen Krisengebieten, die Welt sich selbst – und damit dem Recht des Stärkeren – überlassen. Da freuen sich alle Autokraten, dass sie noch mehr Raum für ihre Machtausdehnung bekommen. Die liberale demokratische Nachkriegs-Weltordnung befindet sich fundamental im Wanken.

Natürlich hoffe ich, dass es anders kommt, aber Trump bleibt Trump. Er hat keine Ahnung von Außenpolitk und selbst wenn er nicht mit Putin und co. paktieren sollte, wird er deren territorialen Interessen nicht entgegentreten. Und innenpolitisch: Ja, er ist kein Ideologe, kein religiöser Fanatiker – aber Pence, Bannon und Flynn sind solche fanatischen Ideologen und werden ihn im Zweifel in ihre rechte, menschenverachtende Richtung steuern. 

Don’t normalize it!

Jeder Tag wird Ekel sein, wird furchtbar sein mit diesem Präsidenten, dieser Regierung. Wir können und wir dürfen sie nicht normalisieren – denn dann werden Rassismus und Sexismus, Hass und Erniedrigung, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit normalisiert. Nein, ich kann Trump keine Chance geben, der Hass hat doch längst begonnen. Es wird schon nicht so schlimm werden? Es ist doch schon schlimm, Gewalt und Übergriffe jeden Tag von einer siegestrunkenen rechten Bewegung. Und das ist alles erst der Anfang.

Es gibt kein normales Leben in Trump-Zeiten. Ja, ich bin langfristig auch Optimist. Ja, ich glaube auch an den Siegeszug progressiver Ideen, liberaler demokratischer Werte. Doch wo bleibt eure Empathie, euer Mitgefühl mit all jenen, die diesen Siegeszug nicht mehr erleben werden? Der Preis, den die Welt für Trump bezahlen muss, ist viel zu hoch! Wo bleibt euer Protest? Wo bleibt eurer Widerstand?

Signal für globalen Widerstand

Das Unvorstellbare ist geschehen, das rational Geahnte, das emotional Erschütternde. Viele werden beschwichtigen, normalisieren, sich gar arrangieren mit der Trump-Regierung – vielleicht werden sie sogar profitieren, weil sie selbst weiß und männlich sind. Doch all jene, die an Vielfalt und Solidarität glauben; an freie Entfaltung und eine gerechte Zukunft; die mitfühlen mit denen, welche ausgegrenzt, verletzt und getötet werden – all jene sollten sich zusammenschließen und kämpfen. Der Rechtsruck wird einen neuen globalen Widerstand hervorbringen. Dieser Widerstand muss alle jene schützen, denen Verfolgung und Gewalt droht. Er muss dem zurückgekehrten Nationalismus eine transnationale Vision entgegenzusetzen!

Wir sind am Höhepunkt der postmodernen Reaktion, ein postideologischer Dealmaker ist jetzt der mächtigste Mann der Welt. Sexist, Rassist, Chauvinist. Was muss noch passieren, damit wir endlich aufbegehren? Warten wir nicht noch auf Hofer, Wilders, Le Pen oder die AfD. Tun wir endlich, was in unserer Macht liegt, um jene zu schützen, um jene zu versammeln, deren Zukunft auf dem Spiel steht.

Dies wird mein Beitrag: Globalradical.one – stay tuned!

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Parteilos wider Willen

Morgen werde ich 29 Jahre alt und das ist doch ein guter Anlass für eine Zustandsbeschreibung. Ich hoffe, dass ich in Zukunft wirklich öfter auf diesem Blog schreiben werde, persönlich wie politisch – bisher klappte das leider nur sehr unregelmäßig. Jetzt möchte ich euch aber erstmal auf den aktuellen Stand bringen, was meine politische Arbeit, mein Engagement und meine Projekte angeht.

Jusos statt Piratenpartei

Falls es irgendwer noch nicht mitbekommen hatte, ich bin schon lange nicht mehr in der Piratenpartei. Ja, ich rate sogar explizit davon ab, diese in Deutschland zu wählen und somit seine Stimme zu verschenken. Warum und wieso sie gescheitert ist, könnt ihr hier nachlesen, wichtiger und interessanter ist aber, dass viele ehemalige Mitstreitende mittlerweile in andere etablierte Parteien gegangen sind. Zu den Grünen, zur FDP, zur SPD und besonders viele zur Linken.

In Berlin werde ich deswegen z.B. Anne Helm für die Linke ins Abgeordnetenhaus wählen, was mich sehr freut. Generell begrüße ich den Pragmatismus vieler Ehemaliger und habe mich davon anstecken lassen. Ich dachte mir, dass so schnell keine neue politische Kraft entstehen würde und ich etwas tun müsse. Kompromisse eingehen, gerade jetzt wo die rechte AfD so erstarkt. Diese Gedanken führten mich zu den Jusos, der SPD-Jugendorganisation, da mir die Grünen zu technologiekritisch und die Linken zu antikapitalistisch sind.

Kein politisches Zuhause

Allerdings wurde ich nie SPD-Mitglied, sondern erstmal Nur-Juso. Ich fand das Juso-Programm gut: klar antifaschistisch, feministisch, gesellschaftspolitisch sehr progressiv und sowohl in Asyl- als auch europäischer Finanzpolitik sehr solidarisch. Kein Gabriel, kein Scholz, keine Agenda. Ja, ich sah die Möglichkeit vielleicht durch den Jugendverband die SPD insgesamt zu erneuern. 

Doch kam die Desillusionierung so schnell wie mein kleiner Aufbruch zuvor. Die Jusos sind so eng mit ihrer Mutterpartei verzahnt, eine Kaderschmiede voller Abhängigkeiten. Angepasst und ohne Visionen, keine innerparteilicher Widerstand und zu wenig Grundsätzlichkeit und Radikalität in ihrer Programmatik. Stichwort: Grundeinkommen, Liquid Democracy, Transnationalismus. 

Ohne Frage habe ich dort auch wunderbare Menschen kennengelernt, die für eine linkere SPD kämpfen, für mehr Solidarität, für eine bessere Gesellschaft – und ich wünsche ihnen allen Erfolg. Doch habe ich auch erkannt: das ist nicht mein Weg, die Jusos und die Sozialdemokratie werden niemals mein politisches Zuhause sein.

Politik im Wartestand

Ich mag Strukturen, ich brauche Strukturen. Ich mag Themen-Vielfalt, ich brauche Themen-Vielfalt. Politische Grundsatzdebatten, keine Spezialisierung in NGOs. Machtpolitische Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Mehrheiten. Das finde ich nur in Parteien – und ich kann mich mit keiner der roten oder grünen Parteien links der Mitte identifizieren. Ich bin parteilos wider Willen.

Erneut politisch heimatlos zu sein – wie 2014, wie 2011 – ist frustrierend, besonders in einer Zeit des weltweiten Rechtsrucks. Ich fühle die Notwendigkeit zu handeln, die Dringlichkeit, den Wunsch, den Druck. Aber mich zu verbiegen, zu große Kompromisse einzugehen, halbe Sachen zu machen – das kann nicht die Antwort sein. Alle Parteien, ja die gesamte Gesellschaft taumelt nach rechts. Deswegen mache ich jetzt Politik im Wartestand, bis früher oder später eine neue Partei zukunftsweisende Antworten gibt. Pflege Netzwerke, unterstütze Initiativen und schreibe, schreibe, schreibe.

Winter has come.

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Auf Wiedersehen, Dresden!

Von Bayreuth nach Berlin

Ich ziehe nach Berlin. Diese Entscheidung ist im letzten halben Jahr in mir gereift und heute treibt mich das gleiche Bauchgefühl dorthin, welches mich 2009 schon nach Dresden geführt hat. Diese schöne Stadt an der Elbe – insbesondere die Neustadt – hat mir so viel gegeben, hat mich verändert und doch ist sie mir mittlerweile einfach zu klein geworden. Durchgespielt, ich habe das Gefühl, bereits alles gesehen zu haben. Und dazu kommt: ich sehe keine politische Perspektive mehr.

Vor sechs Jahren bin ich hierhergekommen um politisch aktiv zu werden, im konservativ-saturierten Bayern sah ich dazu keine Chance – und als Kind Bayreuths war mir Dresden damals nicht zu klein und nicht zu groß. Konkrete politische Pläne hatte ich anfangs keine und so lernte ich zwei Jahre später meinen besten Freund und die Piratenpartei am gleichen Tag kennen. Das war eine unglaubliche Zeit, die mich linker gemacht und mir bis heute so viele großartige Freunde geschenkt hat.

Keine progressive Perspektive

Warum ich glaube, dass das mit der Piratenpartei vorbei ist, habe ich bereits vor einiger Zeit ausführlich beschrieben. Dass ich allerdings auch darüber hinaus auf absehbare Zeit keine progressive Perspektive mehr in Sachsen sehe, ist eine relativ neue Erkenntnis. Ja, Pegida hat dazu beigetragen – oder besser gesagt: der Kuscheldiskurs, welcher mit diesen Reaktionären geführt wird. Die Neustadt (und Leipzig) sind leider zu klein um ganz Sachsen zu verändern, dieses rechtsoffene Bundesland braucht noch viele Jahre.

Von Berlin verspreche ich mir avantgardistische Ideen, neue Inspirationen, spannende Bekanntschaften und eine progressive politische Perspektive. Ob Grundeinkommen, Liquid Democracy, Cyborg-Rechte, Post-Privacy, polyamore Lebenskonzepte, solidarischer Grundkonsens oder Start-Up-Mentalität – viele dieser Diskurse sind hier zu Hause, am Puls der Zeit. Ich habe aktuell genauso wenig konkrete Pläne wie vor sechs Jahren, aber ich vertraue darauf, dass ich meinen Weg finden werde.

Es gibt noch Hoffnung

Für Dresden habe ich im Übrigen trotzdem noch Hoffnung. Ich teile zwar Jans Bedenken zum großen Teil, doch gibt es drei Entwicklungen, die zeigen, dass sich Dresden – wenn auch langsam – zu einer „normalen“, weltoffenen Großstadt wandelt. Erstens der große Erfolg der Blockaden, welche die Nazi-Aufmärschen quasi gänzlich gestoppt haben. Zweitens die erste linke Mehrheit im Stadtrat, die vor einem Jahr gewählt wurde. Und drittens der Geburten-Boom, welcher Dresden tendenziell immer jünger macht. Das Aufbäumen von Pegida ist letztlich genau hierauf die Reaktion: ihr Milieu gerät, zumindest in Dresden, sukzessive in die Minderheit.

Vielleicht kommt im Juli noch ein vierter Hoffnungsschimmer hinzu – mit Eva-Maria Stange könnte erstmals eine Kandidatin der linken Mehrheit Oberbürgermeisterin werden. Zwar habe ich bereits ab Mitte April mein neues WG-Zimmer in Berlin, doch Wohnung und Wohnsitz in Dresden werde ich für eine Übergangszeit noch behalten. So kann ich hier noch zu Ende studieren, meinen Ortsbeiratssitz weiter ausüben und diesen Sommer eine neue OB wählen. Und wer weiß, vielleicht lebe ich irgendwann wieder im schönen Dresden, dann aber sicherlich in der Neustadt.

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Pause

Ich trete natürlich nicht zurück, da ich schon lange kein Amt mehr inne habe. Auch die Rückgabe meiner LGS-Beauftragung habe ich bereits vor Wochen angekündigt. Für mich geht nach meinem Eintritt vor knapp 3 Jahren ein Zeitabschnitt innerhalb der Piratenpartei zuende. 

Von Anfang an stürzte ich mich in eine Rund-um-die-Uhr-Politik-Extremsituation. Der Aufbau erst des KV Dresden und dann des LV Sachsen gestützt durch den bundesweiten Hype hat viel Energie gekostet und gleichsam so viel an Spaß und Erfahrungen gebracht. Der Dauerwahlkampf (Bund, Europa, Kommunal, Land) seit 2013 gegen die Windmühlen des fortschreitenden Abwärtsstrudels hat dann allerdings nicht immer so viel Spaß gemacht und mir auch die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit aufgezeigt.

Besonders die Wahlkämpfe in diesem Jahr haben Spuren hinterlassen und ich konnte meine eigenen Ansprüche oft selbst nicht mehr erfüllen, mindestens seit April fühle ich mich latent ausgebrannt. Ich brauche eine Pause nach dieser enormen Dauerbelastung und werde mich daher mindestens ein halbes Jahr regenerieren – frei von Verpflichtungen, frei von Ämtern. Mitglied bleibe ich, Blogposts zur Wahlkampfanalyse und generellen Zukunftsperspektiven der Piratenpartei werden folgen.

Die nächsten Monate werde ich mich nur mit schönen wohltuenden Dingen beschäftigen. Ich will wieder mehr schreiben und Bücher lesen, mit dem Malen anfangen, Sport und Studium  intensivieren, zocken und alles genießen, was in den letzten Jahren kürzer treten musste. Politik bleibt Teil meines Alltags und ich werde endlich die Zeit haben, darüber inhaltlich mehr zu bloggen – in Zukunft unter dem kulturoptimistischen Motto „Früher war alles schlechter“.

Wir lesen uns also zumindest hier in ein paar Tagen schon wieder.
An alle anderen: bis bald!

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Kandidatur zum Bundesvorsitz der Piratenpartei

Ich werde auf dem außerordentlichen Bundesparteitag für den Bundesvorsitz der Piratenpartei kandidieren. Nach reiflicher Überlegungszeit in den letzten Monaten, den krassen Verwerfungen innerhalb unserer Partei und dem abermals enttäuschenden Europawahl-Ergebnis möchte ich nichts unversucht lassen, meinen Anteil zu neuer Zuversicht und Stabilität zu leisten. 

Meine Vorstellungen für die Zukunft der Piratenpartei habe ich in bereits Ende März in einem Blogpost dargelegt. Wir brauchen nach wie vor mehr Mut zu Neuem, mehr Wagnis, mehr Risiko, mehr Offenheit – mehr Zukunftspartei. Detailliert finden sich meine Ideen auch hier und hier. Die Umsetzung dieser Ziele wird immer dringlicher.

Hinzu kommen zwei neue wichtige Erkenntnisse der letzten Monate. Erstens brauchen wir für eine kampagnenfähige Wahlkampforganisation unbedingt bezahlte Kräfte – denn Ehrenamtlichkeit stößt hier an ihre Grenzen. Geld einzuwerben muss die höchste Priorität für den kommenden Bundesvorstand sein. Zweitens haben die innerparteilichen Auseinandersetzungen ein unerträgliches Ausmaß an Eskalation erreicht. Wir kommen nur gemeinsam aus diesem Loch heraus und kein Lager wird gewinnen. Wenn es so weitergeht, werden wir alle verlieren. Ich will das nicht, ich will eine bunte Partei mit programmatischer Vielfalt. Ich will, dass wir endlich eine gemeinsame Identität finden unter der verschiedene politische Schwerpunkte Platz haben. Ich will, dass wir neue Brücken zueinander bauen. 

Dafür werde ich meine Erfahrungen aus dem LV Sachsen einbringen. Wir hatten hier früher sehr krasse Konflikte, konnten diese aber schließlich gemeinsam befrieden. Ich möchte dieses Partei als Vorsitzender wieder voranbringen, alleine habe ich dazu jedoch keine Chance – deswegen ist meine Kandidatur auch ein Aufruf an all jene, die meine Vision einer Zukunftspartei teilen. Bitte habt Mut ebenfalls zu kandidieren! Ich brauche, wir brauchen jeden Einzelnen von Euch.

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2013

Mein Jahresrückblick

Ich habe einen Blog und werde ihn benutzen. 2013 war nicht gerade ein gutes Jahr, begonnen mit einer Trennung, die mich das ganze Jahr hindurch mitgenommen hat, dann vier bittere Wahlniederlagen der Partei, der mein Herz gehört und schließlich der, wenn auch knapp, gescheiterte Versuch, ebendieser Partei durch meine Bewerbung um die politische Geschäftsführung einen neuen Spin zu geben. 

Die Fakten sprechen für sich, aber erstaunlicherweise fühle ich mich zum Ende des Jahres besser als diese nüchterne Bilanz erwarten lässt. Vor allem durch die Zeit, die ich mir im Dezember für mich selbst genommen habe, kehren Ausgeglichenheit und Überblick wieder zurück. Besonders im Herbst gab es Tage, an denen ich das Gefühl hatte, mir gleitet alles aus den Händen; Tage des Zweifels, an denen alles in Frage stand. 

Lehres des Jahres: Geduld

Die Lehre des Jahres 2013 heißt für mich persönlich: Geduld. Ob privat oder politisch, die Dinge entwickeln sich langsamer als erhofft, die Welt kennt keine lineare Veränderung. Deutschland hat erneut eine Große Koalition gewählt, die Kräfte der Beharrung sind noch weit stärker als der Wunsch nach Wechsel und Erneuerung. Ich habe alle meine Wetten verloren: auf Schwarz-Grün im Bund sowie auf den Einzug der PIRATEN in den Bundestag (das hat mich 50 Euro, eine Schwarzwälder Kirschtorte und zwei Kästen Spezi gekostet).

Mit dem Spott muss ich nun leben, vielleicht werde ich in Zukunft vorsichtiger tippen, aber vor allem sollte ich mich dabei mehr auf mein Studienfach Geschichte besinnen. Die großen Zusammenhänge, der allumfassende historische Kontext hat mich verführt, meine Ungeduld hat sich mittelfristig absehbare Entwicklungen schon heute herbeigewünscht. Durch den Blick zurück scheint es, als wären historische Prozesse und Ereignisse, Ursache und Wirkung, schnell aufeinander gefolgt – doch lagen dazwischen stets langwierige und steinige Phasen der Stagnation und des Rückschritts. Geschichte braucht Geduld. 

Was ist die Identität der Piratenpartei?

Die beinahe absolute Mehrheit der CDU/CSU ist leider die logische Folge der aktuellen konservierenden Zufriedenheit und Selbstgenügsamkeit unserer Gesellschaft und ich fürchte, eine weitere bittere Wahrheit lautet: der Einzug der Piratenpartei in den Bundestag wäre zu früh gekommen. Zu früh für uns PIRATEN selbst, denn so sehr die auch Niederlagen auf Personen und Streitigkeiten zurückgeführt werden – im Grunde haben wir uns noch nicht gefunden. Wollen wir mit einem neuen Gesellschaftsentwurf aus dem Netz heraus ein progressiv-linksliberales Vakuum füllen oder uns auf unsere sogenannten Kernthemen beschränken und dabei riskieren, in einer politische Nische stecken zu bleiben? Was ist unsere Identität?

Wie divergierend und kontrovers die Meinungen innerhalb unserer Partei darüber auseinandergehen, wurde mir erst in Bremen richtig bewusst. Jeder hat seine Wahrheit. Aber es ist sicher kein Geheimnis, welche strategische Ausrichtung ich für die zwingende und effektivere halte. Am meisten enttäuscht hat mich in Bremen insofern nicht mein persönliches Ergebnis, sondern die implizite Richtungsentscheidung der Partei. Aber auch hier gilt die Losung: Geduld, nicht aufgeben, sondern zeigen, dass die progressiv-linksliberale Ausrichtung erfolgreich ist, z.B. bei der Landtagswahl in Sachsen am 31. August. 

Wer mehr Tiefe und Details meiner Sichtweisen erfahren möchte, der muss sich bis ins neue Jahr gedulden, einen meiner Vorsätze will ich euch verraten: mehr Bloggen!

Hoffnung und Freundschaft

Im Gegensatz zu den Jahren zuvor, hat in 2013 die Geschwindigkeit des epochalen Wandels weg von der Postmoderne hin in eine noch unbenannte Zukunft abgenommen. Und doch schreiten die Triebfedern des Wandels auch unter der Oberfläche heran. Ein Ereignis hat mich in diesem Jahr besonders beeindruckt und in meiner Überzeugung und Philosophie bestärkt: die unglaubliche Fluthilfe der Menschen als Reaktion auf das Hochwasser. Im direkten Vergleich mit 2002 ist es beispiellos wie sehr sich das Internet und die sozialen Netzwerke auf die tatsächliche Hilfe beim Dämmebau und Sandschaufeln vor Ort ausgewirkt haben. Je besser wir vernetzt sind, desto mehr kommt auch unsere gemeinschaftliche, soziale, mitfühlende Seite zum Vorschein – und das gibt Hoffnung auf die Zukunft! 

Wie auch immer sich die Geschwindigkeit der Veränderung im kommenden Jahr entwickelt, möchte ich zuletzt noch auf die großen Gewinne von 2013 blicken, die es trotz der schweren Zeiten gab. Diese großen Gewinne sind die neuen Menschen, die mir im Laufe des Jahres ans Herz gewachsen sind, eigentlich ausnahmslos Pirat*innen. Mit denen ich täglich chatte oder in #myLGS abhänge, wöchentlich Sushi essen gehe und oft bis in die tiefsten Nächte philosophiere und Strategien entwickle. Insbesondere @digitales_Ich möchte ich hier hervorheben, den ich seit bald 2,5 Jahren kenne und durchaus als meinen besten Freund bezeichnen kann. Danke, dass es Euch alle gibt und dass ihr in diesem schwierigen Jahr für mich da wart und seid <3

Auf ins 2014!