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Wie ich Feminist wurde

Dies ist mein erster Blogpost im neuen Jahr und es könnte kaum ein wichtigeres Thema geben. Gerade jetzt, da die weißen alten Männer das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen, ist es besonders dringend, sich auf die richtige Seite zu stellen. Und für die Gleichstellung aller Geschlechter zu kämpfen – gegen die historische, allgegenwärtige Benachteiligung der Frau.

Veränderung nur durch Konflikt

Obwohl ich mich schon seit über 10 Jahren intensiv mit Politik auseinandersetze, wurde ich erst in den letzten Jahren zum überzeugten Feministen. Das „F-Wort“, wie es Bianca so passend betitelt hat, habe ich zu Anfang meiner Zeit in der Piratenpartei selbst noch abgelehnt. Als großer Sprachnerd kritisierte ich, dass sich die ‚femin‘-Sprachwurzel doch nur auf Frauen bezöge und daher missverständlich in Bezug auf die Gleichstellung aller sei. Wie viele andere, die damals der Equalismus-Idee anhingen, habe ich jedoch meine Meinung grundlegend geändert.

Wenn ich etwas in der Gesellschaft verändern möchte, dann brauche ich dazu provozierende und polarisierende Begriffe, die anecken, die Konflikt und Diskurs herbeiführen – und keine, die vorauseilend Konsens herstellen. Natürlich gibt es auch benachteiligte Männer und natürlich ist jegliche Benachteiligung falsch, dennoch sind dies Einzelfälle in Anbetracht der massiven systematischen und historisch „gewachsenen“ Benachteiligung von Frauen. (Vom geringen Frauenanteil in den heutigen Firmen-Vorständen und anderen Machtpositionen über das späte Frauen-Wahlrecht bis hin zu den wenigen bekannten weiblichen historischen Persönlichkeiten.)

Das simple logische Prinzip, wonach z.B. eine Frauen-Quote einseitig sei und selbst erst Ungleichheit schaffe, ist Unsinn und verkennt schlicht das tatsächliche gesellschaftliche Problem. Politik muss genau diese Probleme nach ihrer Qualität und Quantität gewichten und dann priorisiert angehen. Oder kurz: Wenn wir einer ungleichen Ausgangssituation mit Gleichheit begegnen, dann bleibt sie schlicht ungleich!

Erschreckende Erfahrungen

Ihr merkt, diese Diskussion habe ich schon oft geführt. Doch es ist schwer, Menschen nur durch rationale Argumente zu überzeugen – auch ich selbst wurde erst zum Feministen durch persönliche Erfahrungen. Die Zeit in der Piratenpartei hat mir die Augen geöffnet, ich habe miterlebt wie viel Sexismus und Diskriminierung meine Ex-Parteikolleginnen erleiden mussten. Für jegliche Positionierung oder Provokation, die Männern zumeist verziehen oder gar goutiert wurde, ernteten Frauen nicht nur „normale“ Shitstorms, sondern Tonnen an Hass-Mails, sexualisierte Beleidigungen und Gewaltandrohungen, Psychoterror bis hin zu tatsächlichen körperlichen Übergriffen.

Ich habe so erschreckende Vorfälle erlebt und diese haben nicht zufällig jedes einzelne Mal eine Frau getroffen – es geht dabei immer um Macht und Gewalt. Sicherlich trägt die höhere Anonymität des Netzes zur Enthemmung bei, doch das Internet ist nur die Forsetzung der analogen Gesellschaft mit digitalen Mitteln. Viele der Hetzenden und Drohenden fühlen sich mächtiger, dem sogenannten „schwachen Geschlecht“ schlicht überlegen – und ihre Hass- und Machtdemonstrationen unterfüttern sie mit abstoßenden sexualisierten Gewaltfantasien.

Eben nicht nur online, sondern auch im analogen Alltag werden Frauen oft als schwach und leichte Opfer betrachtet, ob es nun das Klischee der „dummen Blondine“ oder die allgegenwärtige Verniedlichung durch „süße“ Kosenamen ist.

Versetzt euch in die Lage von Frauen!

Ich habe lange gebraucht, bis ich das begriffen hatte – aber seitdem fällt es mir Tag für Tag immer wieder auf, bei engsten Freundinnen oder fremden Leuten. Wie viele Frauen kennt ihr, die schon mal belästigt wurden, nach Hause verfolgt, gegen ihren Willen angefasst oder gar vergewaltigt? Denen nachgestellt wurde oder die beleidigt wurden per Chat, Mail oder SMS? Die regelmäßig von Vorgesetzten, Fremden oder auch Bekannten ungewollt „Schätzchen“ oder „Süße“ genannt werden? Und wie viele Männer kennt ihr, die solche Erfahrungen gemacht haben?

Allein die Tatsache, dass Frauen selbst schuld daran sein sollen, wenn sie sich freizügig kleiden und dann angefasst werden oder schlimmer, ist doch eine absurde Umkehrung der Schuld! Jedes Mal, wenn ich jetzt nachts durch die Straßen laufe, muss ich daran denken, wie unsicher und gefährdet sich Frauen fühlen müssen – schlicht weil Männer zumeist mehr körperliche Kraft haben. Ich könnte endlose weitere Beispiele aufzeigen, die mir in den letzten Jahren aufgefallen sind – von der männlich geschaffenen Sexualmoral, wonach Männer Helden sind, die mit vielen Frauen schlafen, aber Frauen umgekehrt Huren, bis zur unterschiedlichen Entlohnung für die gleiche Arbeit in so gut wie allen Berufsgruppen.

Privilegien überwinden

Auch wenn ich mich schon lange mit Politik befasst hatte, habe ich die Welt nur aus meiner weißen männlichen privilegierten Perspektive gesehen. Das Thema Geschlecht hat für mich keine Rolle gespielt. „Quoten sind nicht nötig und unfair, Gendern macht die Sprache kaputt, Gleichberechtigung gibt es doch heute schon“ – das war die gewöhnliche Einstellung in meinem Umfeld (bayrisches Gymnasium). Und es hat lange gedauert, bis ich mir über all die genannten Sachverhalte bewusst wurde.

Ich habe vielen Menschen diese Erkenntnisse zu verdanken und seitdem noch viel mehr über mich selbst gelernt – und über meine Familie. Dass meine Mutter eine außergewöhnlich starke Frau ist, die sich schon früh (1972) gegen alle Widerstände emanzipiert hat und trotz harter Schicksalsschläge ihren Weg weitergeht. Dass in meiner Familien fast ausschließlich starke Frauen-Figuren wie meine Schwester und meine verstorbene Großtante und Großmutter dominieren – und die Männer immer höchstens die zweite Geige spielten. Auch für mich selbst kann ich mir nur eine starke Frau mit eigenem Kopf als Partnerin vorstellen.

Wir müssen anfangen unsere Privilegien zu hinterfragen, die eigene Familiengeschichte zu reflektieren und uns die Lage von anderen Menschen versetzen. Gerade heute am Weltfrauentag sollten wir uns motivieren mit all dem, was schon erreicht wurde – für all das, was noch erkämpft werden muss. Früher war alles schlechter – aber es ist noch ein langer Weg, bis es gut ist.

Ich hoffe, ich konnte ein paar von Euch zum Nachdenken bringen.

PS:

Es gibt noch viel mehr Geschlechter als nur Frau und Mann, doch zur Vereinfachung habe ich all die Zwischentöne zwischen den Stereotypen in diesem Fall weggelassen.

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