Archiv für den Monat: November 2016

Kein normales Leben in Trump-Zeiten

Über den größten politischen Schock meines Lebens

11/9 ist jetzt über 10 Tage her und ich habe mich wieder einigermaßen gesammelt. Die Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten war definitiv der größte politische Schock meines Lebens. Es ist mir schwer gefallen, dazu etwas zu schreiben – einfach weil meine Gefühle und Gedanken darüber so diffus und vielfältig waren und es immer noch sind. Hier nun der Versuch einer Chronologie.

Vorahnung

Am Freitag vor der US-Wahl traf ich einen alten Freund, der ebenso gerne wie ich visionär in die Zukunft denkt und spekuliert. Wir kamen überraschend zu dem Schluss, dass ein Wahlsieg Trumps eigentlich wahrscheinlicher und logisch ist – da wir beide annehmen, dass der Menschheit in 10-15 Jahren ein großer progressiver Aufbruch (VR, IoT, Mars, KI, BGE) bevorsteht. Solch ein gesellschaftlicher Aufbruch setzt sich aber zumeist erst durch als Gegenbewegung auf einen rückwärtsgewandten Stillstand nach einer katastrophalen Eskalation.

Doch auch wenn ich tief in mir wusste, dass alles erst schlimmer werden muss, damit alles schließlich besser wird, tippte ich noch immer auf einen knappen Hillary-Sieg. Der Preis einer Trump-Katastrophe wäre einfach zu hoch.

Die Wahlnacht

Gemeinsam mit 3 engen Freunden verfolgte ich die Wahlnacht bei mir zu Hause, wir schauten die Live-Berichterstattung der US-Sender im Wechsel und recherchierten dazu im Netz. Um 2:24 Uhr deutscher Zeit schrieb ich noch: „Das wird eine gute Nacht. Für Hillary Clinton und die ganze Welt. #USElections2016“, weil erste Indikatoren wie z.B. ein Too-Close-To-Call in Georgia darauf hindeuteten. Doch jede Stunde wurde das Bild düsterer und zwischen 3:00 und 4:00 Uhr war die ‚Blue Firewall‘ durchbrochen, die Rustbelt-Staaten waren verloren und Trump hatte gewonnen.

Wie paralysiert saßen wir noch bis 10 Uhr morgens vor dem Beamer und haben die sagenhaft schlechte Rede des neuen US-Präsidenten angehört. Unglaube, Schock, Trauer – die Tage nach 11/9 fühlte ich mich wie gelähmt, aus der Bahn geworfen, da half auch eine rational geschlussfolgerte Vorahnung nichts. Es ist die tiefste Erschütterung seitdem ich mich mit Politik beschäftige.

Katastrophe für die ganze Welt

Ja, „das Schlimmste, was der Welt seit 1945 passiert ist“, ist am 8./9. November geschehen, das sehe ich nach wie vor so. Diese Präsidentschaft wird so vielen Menschen Chaos und Leid bringen – in den USA und auf der ganzen Welt.; außenpolitischer Rückzug aus den globalen Krisengebieten, die Welt sich selbst – und damit dem Recht des Stärkeren – überlassen. Da freuen sich alle Autokraten, dass sie noch mehr Raum für ihre Machtausdehnung bekommen. Die liberale demokratische Nachkriegs-Weltordnung befindet sich fundamental im Wanken.

Natürlich hoffe ich, dass es anders kommt, aber Trump bleibt Trump. Er hat keine Ahnung von Außenpolitk und selbst wenn er nicht mit Putin und co. paktieren sollte, wird er deren territorialen Interessen nicht entgegentreten. Und innenpolitisch: Ja, er ist kein Ideologe, kein religiöser Fanatiker – aber Pence, Bannon und Flynn sind solche fanatischen Ideologen und werden ihn im Zweifel in ihre rechte, menschenverachtende Richtung steuern. 

Don’t normalize it!

Jeder Tag wird Ekel sein, wird furchtbar sein mit diesem Präsidenten, dieser Regierung. Wir können und wir dürfen sie nicht normalisieren – denn dann werden Rassismus und Sexismus, Hass und Erniedrigung, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit normalisiert. Nein, ich kann Trump keine Chance geben, der Hass hat doch längst begonnen. Es wird schon nicht so schlimm werden? Es ist doch schon schlimm, Gewalt und Übergriffe jeden Tag von einer siegestrunkenen rechten Bewegung. Und das ist alles erst der Anfang.

Es gibt kein normales Leben in Trump-Zeiten. Ja, ich bin langfristig auch Optimist. Ja, ich glaube auch an den Siegeszug progressiver Ideen, liberaler demokratischer Werte. Doch wo bleibt eure Empathie, euer Mitgefühl mit all jenen, die diesen Siegeszug nicht mehr erleben werden? Der Preis, den die Welt für Trump bezahlen muss, ist viel zu hoch! Wo bleibt euer Protest? Wo bleibt eurer Widerstand?

Signal für globalen Widerstand

Das Unvorstellbare ist geschehen, das rational Geahnte, das emotional Erschütternde. Viele werden beschwichtigen, normalisieren, sich gar arrangieren mit der Trump-Regierung – vielleicht werden sie sogar profitieren, weil sie selbst weiß und männlich sind. Doch all jene, die an Vielfalt und Solidarität glauben; an freie Entfaltung und eine gerechte Zukunft; die mitfühlen mit denen, welche ausgegrenzt, verletzt und getötet werden – all jene sollten sich zusammenschließen und kämpfen. Der Rechtsruck wird einen neuen globalen Widerstand hervorbringen. Dieser Widerstand muss alle jene schützen, denen Verfolgung und Gewalt droht. Er muss dem zurückgekehrten Nationalismus eine transnationale Vision entgegenzusetzen!

Wir sind am Höhepunkt der postmodernen Reaktion, ein postideologischer Dealmaker ist jetzt der mächtigste Mann der Welt. Sexist, Rassist, Chauvinist. Was muss noch passieren, damit wir endlich aufbegehren? Warten wir nicht noch auf Hofer, Wilders, Le Pen oder die AfD. Tun wir endlich, was in unserer Macht liegt, um jene zu schützen, um jene zu versammeln, deren Zukunft auf dem Spiel steht.

Dies wird mein Beitrag: Globalradical.one – stay tuned!

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