Transparenz statt Vergessen

Am 30. November bewerbe ich mich beim Bundesparteitag in Bremen um das Amt der politischen Geschäftsführung im Bundesvorstand der Piratenpartei. Dies bedeutet große Verantwortung und vorab habe ich hierfür die maximale Bringschuld in Sachen Transparenz zu leisten. Nicht nur, was meine Ziele betrifft, die ich schon ausführlich formuliert habe, sondern auch was frühere Positionen, veraltete Meinungen oder ehemalige Mitgliedschaften angeht. 

Jeder Mensch war und ist wohl Mitglied bei den verschiedensten Vereinen, so ich aktuell beim „Vegetarierbund“, bei den „Jungen Europäische Föderalisten“ und der „Europa-Union“ sowie beim „Verein der Freunde des Graf-Münster-Gymnasiums Bayreuth“ und natürlich den „Jungen Piraten“. Zudem war ich in den letzten Jahren Mitglied bei „Die Bühne“ und der „Erasmus-Initiative Dresden“.

Ich denke, all diese Mitgliedschaften erklären sind von selbst und sind weitgehend unkritisch, im Gegensatz zu zwei anderen Vereinen: „Dyna-Mitt e.V“. und der „Initiative junger Transatlantiker“.

Dyna-Mitt e.V.

Seit 2006 möchte ich bereits politisch aktiv werden und 2009 kam ich dann nach Dresden, konnte mich aber damals noch für keine Partei begeistern. Daher hatte ich die Idee mit anderen Studierenden einen Verein zu gründen, der zum Teil auch politisch ist und Aktionen durchführt, um junge Menschen wieder für Politik zu gewinnen. Im Frühjahr 2011 waren dann 7 Studierende gefunden, die zusammen den Verein „Dyna-Mitt“ gegründet haben – das war eine Abkürzung für Dynamische Mittler.

Wir haben verschiedene Aktionen durchgeführt wie zwei Protestpicknicks unter dem Motto „Futtern für Vielfalt“ und einen Carrotmob – das ist ein Einkaufsflashmob, bei dem die Einnahmen für einen gemeinnützigen Zweck gespendet werden. Übriggeblieben von dem Verein – der sich mangels Aktivität quasi aufgelöst hat – ist nur der Goldene Föhn, ein bundesweiter Populismus-Award, der auch dieses Jahr wieder verliehen wird.

So weit, so gut – doch was den theoretischen Unterbau des Vereins angeht, gab es schon zu Beginn meiner Zeit in der Piratenpartei eine Kontroverse. Ich habe damals noch und besonders vor meiner Mitgliedschaft sehr viel Mainstream-Medien konsumiert und manche Begriffe sehr unreflektiert verwendet. Signifikant für die Kontroverse war die naive Benutzung des Begriffs Nationalstolz. Mit „national“ waren alle Menschen, die in Deutschland leben, gemeint, also eine Zuweisungsgröße wie z.B. „kommunal“ – doch diese Deutung war schlichtweg naiv, weil der Begriff mehrheitlich eindeutig mit Herkunft assoziiert wird. Genauso war mit Stolz keine Besserstellung gegenüber anderen gemeint, sondern die positive Verbundenheit mit den Menschen und dem Gebiet. Da diese Worte nicht die gewünschte Botschaft übertragen, verwenden sie heute nicht mehr.

Es gab noch weitere Aspekte bei Dyna-Mitt, in denen ich meine Meinung und Perspektive vor allem auch durch die Piratenpartei gewandelt habe. Der Vereinsname Dynamische Mittler sollte eine (ver-)mittelende Bewegung zwischen politischen Gegensätzen ausdrücken, ein Fokus auf Kontakt oder wie ich heute sage: Vernetzung. Es ging um das Zusammenbringen von Menschen unterschiedlicher Meinung.

Doch mir als Mainstream-Medien-Konsument war nicht bewusst, dass der Verein in ein großes politisches Fettnäpfchen getreten ist. Besonders hier in Sachsen herrschte zu der Zeit eine von der Regierung vorangetriebene Kampagne gegen „Extremismus“ und eine Etikettierung von Mitte als Ort der politischen Unschuld. Beide Begriffe wurden von Dyna-Mitt naiv genutzt ohne zu erkennen, dass damit politisch Andersdenkende diffamiert werden sollten. Auch Antifaschismus spielte für mich zu dieser Zeit noch keine Rolle, da ich das ignorant-theoretische Argument „nicht nur gegen etwas sein zu wollen“ vertreten hatte. Doch durch viele engagierte Pirat*innen habe ich viel gelernt und mich von der Naivität und Ignoranz der sog. bürgerlichen Mittelschicht emanzipieren können – gegen faschistische Denkstrukturen muss jeder Demokrat sein, denn sie sind mit Freiheit und Gleichheit unvereinbar. Genauso wie der Begriff der Mitte eindeutig konservativ besetzt ist und der Extremismus-Begriff viel zu diffus  ist, um ihn noch zu verwenden.

Initiative junger Transatlantiker

Meine zweite erklärungsbedürftige Mitgliedschaft ist die bei der „Initiative junger Transatlantiker“, dieser Verein ist ebenso wie Dyna-Mitt damals zeitgleich in Dresden entstanden – die Gründungsinitiative kam von einem Studienkollegen. Ich habe die Anfangszeit bis Januar 2012 noch teilweise begleiten können und dabei versucht meine speziellen politischen Aspekte einzubringen.

Im Grundsatz bin ich ein Freund der USA, aber ich kritisiere die soziale Ungleichheit dort und natürlich viele politische Entscheidungen und Handlungen der letzten Jahrzehnte. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass eine transatlantische Zusammenarbeit viel bringen kann – mein Ziel ist es, dass die USA europäischer wird, sozialer und egalitärer, dass die USA wegkommt vom radikalen Arbeitsethos. Deswegen bin ich Mitglied der jungen Transatlantiker geworden.

Doch leider konnte ich mich mit dem Ziel, sich auf die amerikanisch-europäische Zusammenarbeit bzw. Partnerschaft der Kontinente zu konzentrieren nicht durchsetzen – das Denken in deutscher Kategorie ist meines Erachtens nicht mehr zeitgemäß. Für den ersten transatlantischen Verein, der tatsächlich Kontinente verbindet hatte ich damals sogar ein Logo entworfen – doch aufgrund meines Engagements in der Piratenpartei hatte ich keine Zeit mehr mich ins Vereinsleben einzubringen.

Daher ruht meine Mitgliedschaft auf unbestimmte Zeit und ich hoffe, irgendwann wieder meine Aspekte in den Verein einbringen bzw. durchsetzen zu können. Gerade bei den Transatlantischen sollte Transnationalität einen Platz finden.

Ich hoffe, dass ich alle Fragen zu meinen Mitgliedschaften hiermit beantworten konnte – in einer digitalisierten Gesellschaft ist Vergessen kaum noch möglich und zwingt uns zur Darlegung von Meinungswandlungen und Entwicklungsprozessen. Vielleicht wird erst so wirkliches Verständnis möglich.

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