Episode I: An der Übersetzung gescheitert

Wir müssen eine neue Sprache lernen.

Bald ist die Bundestagswahl vier Wochen vergangen und unsere Partei sammelt langsam neue Kräfte. Viele gute Analysen wurden geschrieben, viele Aspekte benannt, warum wir am 22. September so kläglich gescheitert sind. Und ja, es war kläglich, nicht nur ein bisschen, sondern so richtig. In meinen Augen sind wir vor allem an der Kommunikation gescheitert, an der Sprache, mit der wir unsere Inhalte erklären wollten, schlichtweg an der Übersetzung. 

Gute Beispiele für dieses Scheitern haben wir zuhauf geliefert, exemplarisch genannt seien die Themen Netzneutralität und Leistungsschutzrecht. Bei ersterem wurde mit der Drossel-Kampagne ein völlig fehlgeleitetes Mem kommuniziert, das die Drosselung – aber nicht die Ungleichbehandlung von Daten in den Mittelpunkt gerückt hat. Mehrfach wurde ich mit dem Einwand konfrontiert, dass doch jeder Handytarif gedrosselt wird, wenn das Volumen verbraucht wurde – und warum die PIRATEN eigentlich immer nur Flatrates wollen. Falsch übersetzt, ein typisches Bubble-Problem. Vielleicht hätte eine analoge Ungleichbehandlungs-Metapher wie „Datenautobahn vs. Datenlandstraße“ unser netzneutrales Anliegen besser rübergebracht, so unsexy sie auch sein mag.

Bei zweiterem, dem Leistungsschutzrecht, gab es noch nicht mal eine effektive Kampagne  um dessen abstrakte Problematik zu erklären – weder innerhalb noch außerhalb des Netzes. Wir haben auch hier versagt. Kaum einem Menschen konnten wir die universelle Bedeutung beider Themen begreiflich machen – falsche Sprache, falsche Übersetzung, Gefangene unserer eigenen Filter-Bubble. Wir müssen jetzt eine neue Sprache lernen und dabei mehr Analog(ie) wagen.

Kommunikatives Vakuum

Doch das ist erst der Anfang. Abgesehen von kommunikativen Fehlgriffen bei aktuellen Themen haben wir auch ein generelles kommunikatives Vakuum entstehen lassen. Wir PIRATEN haben uns fast alle auf die Erarbeitung neuer Programmpunkte fixiert, um den Vorwurf der Programmlosigkeit zu entkräften und dabei gleichsam den Wald vor lauter Bäumen aus den Augen verloren. Keine Frage, wir haben da richtig geile Positionen entwickelt – diese jedoch zusammenhanglos nebeneinander stehen lassen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen, der Kampf gegen den Überwachungsstaat, die Trennung von Staat und Kirche, der Fahrscheinlose ÖPNV, die fortschrittlichste Asylpolitik – all das wirkt auf die meisten Menschen noch immer wie ein willkürliches Sammelsurium verschiedenster politischer Forderungen und Ideen. Dass diskriminierungsfreie Teilhabe und die freie Entfaltung aller Menschen aber die Verbindung all dieser Themen ist, erklären wir wenig bis gar nicht. Wie all unsere vielfältigen Programmpunkte miteinander zusammenhängen, den philosophischen Unterbau, das Menschenbild, die gesamte Meta-Ebene unserer Politik, die Identität unserer Partei, erläutern wir einfach nicht.

Mehr Meta wagen

Mit der CDU wird assoziiert: konservativ! Mit SPD oder Linken: sozial! Mit der FDP: neoliberal! Und mit den PIRATEN: tja – wenn es hochkommt: irgendwas mit Internet. Genau hier wird unser kommunikatives Vakuum offenkundig, wir haben scheinbar keine Identität. Dies mag daher kommen, dass wir uns oft selbst noch gar nicht der großartigen Zusammenhänge bewusst sind, die wir induktiv durch diesen und jenen Programmbeschluss nach und nach herausgebildet haben. Noch nie hat sich eine Partei so hierarchiearm, ungerichtet, basisdemokratisch und anarchisch ein Wertegerüst gegeben. Das ist ein einmaliger Prozess, der länger dauert, aber umso nachhaltiger sein kann – insofern wir uns selbst der Zusammenhänge bewusst werden.

Wir müssen also ganz dringend mehr Meta wagen, Detailverliebtheit vermeiden. Einzelne Programmpunkte sollten stets in den Kontext des großen Ganzen gesetzt und auf unser Menschenbild zurückgeführt werden, jede einzelne Position wird stärker durch einen zusammenhängenden Unterbau.

Unsere neue Sprache, mit der wir endlich verständlich übersetzen können, muss auf einer Erzählung basieren, aus der sich unsere Identität speist. Und aus dieser Identität muss sich unsere Vision ableiten. Wie diese neue Sprache aussehen könnte, werde ich in der nächsten Episode skizzieren.

8 Gedanken zu „Episode I: An der Übersetzung gescheitert

  1. samy sagt:

    Danke! Deutlicher konnte man das nicht sagen!
    Die große gemeinsame Idee als verbindendes Dach über allem!

  2. Bernd TH sagt:

    Na, nett geschrieben Fl0range 🙂

    Aber die Metaebene existiert, wir haben da seit mindestens dem BPT in Chemnitz oft drüber gesprochen, sie war Grundlage für so manchen Programmantrag und auch den ersten Sammelantrag.

    Leider sind so manche Piraten monatelang auf Tools fixiert gewesen,… ich nenne mal wertfrei die SMV 😉 … anstatt mit den Leuten- uns Piraten über die Grundsätze, die Ansätze und Lösungen zu sprechen. Und das Tolle ist, dass einige Piraten da echt weit sind 🙂

    Wir haben den Überbau, … oder nenn es Fundament. Hab dazu auch nen fast fertigen Text.. den ich bald mal verblogge. Mir ist das verdammt wichtig, dass wir endlich begreifen, was uns als Bewegung und Partei auszeichnet!

    In ganz kurz:
    Wir sind die entscheidende Kraft des gesellschaftlichen Wandels hin zu der digitalen, der vernetzten Gesellschaft, unsere Kernthemen und Forderungen sind wie Maxime grundlegende Ansätze mit denen wir die vielfältigen Antworten und Weg in den Einzelthemen beschreiben!

    Damit habe ich nun monatelang Wahlkampf gemacht, und ich meine gerade auch bei Podiumsdiskussionen und Infoständen gepunktet 🙂

    lg vom #AdW

  3. Als gemeinsamen Nenner des Programms schlage ich die Idee von @thecitizen_de vor:
    Wofür stehen die Piraten? Menschenrechte für alle.
    Allerdings machen die Kernis dann #mimimi, und die „Echten Piraten™“ hauen uns.

    Was das Drosselthema angeht: Draußen war nur die Drosselung als Mem anwesend („jetzt wird mein pr0n ruckelig“), und es waren nicht wir, die das so verbreitet haben. Die richtige Erklärung (ISP zu Google: „schöne Videos habt Ihr da, wäre doch schade, wenn unsere Kunden die nicht sehen könnten“ – deswegen kann man als Kunde auch kein Volumen dazukaufen) kennen wir und ein paar Nerds; und auf der Straße konnte man sie einzelnen erklären, sofern diese bereit waren, mehrere Minuten (d.h. das zehnfache der üblichen Aufmerksamkeitsspanne) zuzuhören[0]. D.h. es gibt eine Bubble, aber ihre Wand war dick, die Mehrheit war drin, und wir waren draußen. Das ändert nichts daran, dass es unsere Aufgabe ist, da durchzudringen.

    [0] Erlebt beim Flyern im Sommer, war zeitaufwendig.

  4. metaphora sagt:

    ja, unsere Themen sind abstrakt. Ja, wir müssen Meta-phern dafür finden und Zusammenhänge erklären.
    Dass wir nichts dergleichen haben stimmt indes nicht:
    http://metaphora42.wordpress.com/2013/09/20/wofuer-stehen-eigentlich-die-piraten/

  5. ToRo sagt:

    Ja, ist ja toll das wir das schon haben, diese gemeinsame Botschaft. Ich hab in den Kommentaren jetzt schon 3 verschiedene gelesen und keine von denen wurde im Wahlkampf kommuniziert. Warum? Es war keine gemeinsame Botschaft, keine einheitliche Geschichte! Es sind 3 verschiedene. Wichtig für einheitliche Geschichten sind u.a. die gleichen Buzzwords.
    Es braucht eine zu verbildlichende, gemeinsame Botschaft die auch von Oben bis Unten kommunizierbar ist, in kürzester Aufmerksamkeitsspanne. Die muss jetzt heraus kristallisiert und ja, auch von einem BuVo Mantra-artig kommuniziert werden. Sonst müssen wir jeden Ortsverband, jede Crew, jeden Einzelpiraten vor dem nächsten Wahlkampf darin aktiv schulen, damit es überhaupt jemand kapiert und es in der Breite auch weiter getragen werden kann.

  6. Kai Grünler sagt:

    Es geht ganz einfach. Fragt mal in Eurer eigenen Familie und im parteifremden Bekanntenkreis oder Kollegen usw. „Was stellt Ihr Euch unter Piraten vor, was erwartet Ihr von Ihnen, womit verbindet Ihr diese?“
    Im Zuge meiner Wahlkampfarbeit für die BTW13 habe ich das mehrfach mit verschiedenen Personengruppen machen können. Essenz daraus: Wir verstehen Euere Sachen nicht. Wovon redet Ihr überhaupt? Was sollen diese ganzen Fachbegriffe und Abkürzungen? Könnt Ihr nicht in Eurer Muttersprache reden? Wieso ignoriert Ihr die Rentner und Senioren?
    Ich vergleichs mal mit dem Handel. Es gibt Vollsortimentwarenhäuser die einfach alles haben (100.000 verschiedene Artikel) wie Kaufland oder Globus. Und es gibt Discounter wie Aldi und Lidl (Sortiment von 1000 bis 2000 Artikel). Wir Piraten wollen Vollsortiment anbieten, aber es wäre besser, wenn wir uns auf ein übersichtlicheres Sortiment spezialisieren würden. Und das übersichtliche Sortiment sollten wir in natürliche Sprache übersetzen (lassen), am besten von Außenstehenden die absolut gar nix mit Piraten zu tun haben. Diese Leute haben genug Abstand, das auch so zu formulieren, dass nicht nur Nerds mit Linuxkenntnissen unser Wahlprogramm deuten können. Und damit meine ich KEINE leichte Sprache, sondern die Sprache der normalen Menschen. Und in der Kürze liegt die Würze, dieser Spruch hat sich über Jahrhunderte bewährt. Wir sind in allem zu ausführlich und zu detailiert, was dem Vorwurf geschuldet ist, wir hätten kein Programm.
    Also, eindampfen, spezialisieren und verständlicher für normale Menschen, da muss es hin. Schnell!
    Grüße, Kai

  7. Mark Neis sagt:

    Dr Kernsatz deines Artikels ist dieser:
    „Wie all unsere vielfältigen Programmpunkte miteinander zusammenhängen, den philosophischen Unterbau, das Menschenbild, die gesamte Meta-Ebene unserer Politik, die Identität unserer Partei, erläutern wir einfach nicht.“

    Damit hast du völlig recht. Ich habe am vergangenen Samstag bei dem Mittelerde-Treffen in Leipzig eine – wie ich finde – gute Formulierung des „großen Ganzen“ gehört, die ich hier mit eigenen Worten widergeben möchte:
    Im Grunde sind wir Piraten liberal; stehen für die freie Entfaltung des Individuums. Das allerdings setzt voraus, dass die Menschen eine gesicherte Existenz, also eine wirtschaftliche und finanzielle Basis haben, damit sie am sozialen und kulturellen Leben der Gesellschaft teilhaben können. Nur dann können sie sich frei entfalten.

    Ich finde, das fasst die Grundzüge der Piraten ganz gut zusammen. Wenn wir das als „Botschaft“ verkünden könnten, wären wir einen Schritt weiter.

  8. Alchymist sagt:

    Ja, Fl0range hat recht mit seiner Betrachtung. Wir müssen eine klare Botschaft in verständlichen Worten vermitteln.

    Aber wir müssen nicht zum Aldi werden: billige Ware für die Massen. Wenn man schon solche komischen Methaphern verwenden muss: wir sollten ein Fachhändler sein. Einer mit wenigen, sehr hochwertigen Waren. Wir vertreten vorrangig die Interessen einer Generation von „Digital Natives“, so wie die Grünen einst die Partei der 68er waren.

    Wir müssen unsere Kernforderungen so vermitteln, dass größere Teile der Gesellschaft erkennen, dass das auch ihre Interessen sind. Das ist schwierig, weil Mainstream-Medien gerne suggerieren „alles ist gut, Mutti sorgt für dich“. Es sind schon viele linke Gruppen daran gescheitert, den Arbeitern zu vermitteln, warum und wovon sie befreit werden müssten. Wir haben das Problem, dass viele Menschen den Abbau ihrer Grundrechte und Vollüberwachung nicht als Problem ansehen. Der Staat will doch nur unser bestes, ich habe nichts zu verbergen, wir müssen uns vor Terroristen schützen. Haben wir alles schon oft gehört, oder?

    Was ist nun unsere Kernbotschaft?

    Ja wir sind „liberal“. Allerdings ist der Begriff „liberal“ so formbar wie Knetgummi. Man kann ihn nicht verwenden, ohne eine halbe Stunde lang zu definieren, was wir unter „liberal“ verstehen.

    Ja, wir sind „Menschenrechtspartei“. Finde ich aber auch sehr unhandlich.

    Ja, wir stehen für Netzpolitik, Transparenz, Mitbestimmung, Teilhabe.

    Und für Freiheit. Vor allem für Freiheit. Um diesen Begriff sollten wir unsere Vision aufbauen. Und auf der (back to the roots) Hackerethik: http://www.ccc.de/de/hackerethik

    Und wenn wir diese Visionen dann so formulieren, dass auch Oma sie versteht – dann können wir etwas reißen.

    Viele Grüße

    Alchymist

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