Archiv für den Monat: Oktober 2013

Episode I: An der Übersetzung gescheitert

Wir müssen eine neue Sprache lernen.

Bald ist die Bundestagswahl vier Wochen vergangen und unsere Partei sammelt langsam neue Kräfte. Viele gute Analysen wurden geschrieben, viele Aspekte benannt, warum wir am 22. September so kläglich gescheitert sind. Und ja, es war kläglich, nicht nur ein bisschen, sondern so richtig. In meinen Augen sind wir vor allem an der Kommunikation gescheitert, an der Sprache, mit der wir unsere Inhalte erklären wollten, schlichtweg an der Übersetzung. 

Gute Beispiele für dieses Scheitern haben wir zuhauf geliefert, exemplarisch genannt seien die Themen Netzneutralität und Leistungsschutzrecht. Bei ersterem wurde mit der Drossel-Kampagne ein völlig fehlgeleitetes Mem kommuniziert, das die Drosselung – aber nicht die Ungleichbehandlung von Daten in den Mittelpunkt gerückt hat. Mehrfach wurde ich mit dem Einwand konfrontiert, dass doch jeder Handytarif gedrosselt wird, wenn das Volumen verbraucht wurde – und warum die PIRATEN eigentlich immer nur Flatrates wollen. Falsch übersetzt, ein typisches Bubble-Problem. Vielleicht hätte eine analoge Ungleichbehandlungs-Metapher wie „Datenautobahn vs. Datenlandstraße“ unser netzneutrales Anliegen besser rübergebracht, so unsexy sie auch sein mag.

Bei zweiterem, dem Leistungsschutzrecht, gab es noch nicht mal eine effektive Kampagne  um dessen abstrakte Problematik zu erklären – weder innerhalb noch außerhalb des Netzes. Wir haben auch hier versagt. Kaum einem Menschen konnten wir die universelle Bedeutung beider Themen begreiflich machen – falsche Sprache, falsche Übersetzung, Gefangene unserer eigenen Filter-Bubble. Wir müssen jetzt eine neue Sprache lernen und dabei mehr Analog(ie) wagen.

Kommunikatives Vakuum

Doch das ist erst der Anfang. Abgesehen von kommunikativen Fehlgriffen bei aktuellen Themen haben wir auch ein generelles kommunikatives Vakuum entstehen lassen. Wir PIRATEN haben uns fast alle auf die Erarbeitung neuer Programmpunkte fixiert, um den Vorwurf der Programmlosigkeit zu entkräften und dabei gleichsam den Wald vor lauter Bäumen aus den Augen verloren. Keine Frage, wir haben da richtig geile Positionen entwickelt – diese jedoch zusammenhanglos nebeneinander stehen lassen.

Das Bedingungslose Grundeinkommen, der Kampf gegen den Überwachungsstaat, die Trennung von Staat und Kirche, der Fahrscheinlose ÖPNV, die fortschrittlichste Asylpolitik – all das wirkt auf die meisten Menschen noch immer wie ein willkürliches Sammelsurium verschiedenster politischer Forderungen und Ideen. Dass diskriminierungsfreie Teilhabe und die freie Entfaltung aller Menschen aber die Verbindung all dieser Themen ist, erklären wir wenig bis gar nicht. Wie all unsere vielfältigen Programmpunkte miteinander zusammenhängen, den philosophischen Unterbau, das Menschenbild, die gesamte Meta-Ebene unserer Politik, die Identität unserer Partei, erläutern wir einfach nicht.

Mehr Meta wagen

Mit der CDU wird assoziiert: konservativ! Mit SPD oder Linken: sozial! Mit der FDP: neoliberal! Und mit den PIRATEN: tja – wenn es hochkommt: irgendwas mit Internet. Genau hier wird unser kommunikatives Vakuum offenkundig, wir haben scheinbar keine Identität. Dies mag daher kommen, dass wir uns oft selbst noch gar nicht der großartigen Zusammenhänge bewusst sind, die wir induktiv durch diesen und jenen Programmbeschluss nach und nach herausgebildet haben. Noch nie hat sich eine Partei so hierarchiearm, ungerichtet, basisdemokratisch und anarchisch ein Wertegerüst gegeben. Das ist ein einmaliger Prozess, der länger dauert, aber umso nachhaltiger sein kann – insofern wir uns selbst der Zusammenhänge bewusst werden.

Wir müssen also ganz dringend mehr Meta wagen, Detailverliebtheit vermeiden. Einzelne Programmpunkte sollten stets in den Kontext des großen Ganzen gesetzt und auf unser Menschenbild zurückgeführt werden, jede einzelne Position wird stärker durch einen zusammenhängenden Unterbau.

Unsere neue Sprache, mit der wir endlich verständlich übersetzen können, muss auf einer Erzählung basieren, aus der sich unsere Identität speist. Und aus dieser Identität muss sich unsere Vision ableiten. Wie diese neue Sprache aussehen könnte, werde ich in der nächsten Episode skizzieren.